Autor Thema: Abdichtung Motor  (Gelesen 3183 mal)

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Offline bernhard

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Abdichtung Motor
« am: Fr.16.Jul 2010/ 22:54:38 »
Hallo

Ich besitze einen 1970 SS I, ein schönes Fahrzeug, das aber nach jeder fahrt immer etwas Öl unterm Motor stehen hat. Ich hab mir den Motor zusammen mit einer auf RR spezialisierten Werkstatt angesehen und es war zu sehen, dass der Deckel über der Nockenwelle, sowie die Ölwanne nicht dicht waren.  Das hab ich instand setzen lassen, es stand aber immer noch etwas Öl unterm Motor.  Die Werkstatt hat sich das nochmal angesehen und mir mitgeteilt, das der Vorbesitzer wohl die seitlichen Öffnungen des Motor mit einer Paste verschlossen hat, bis auf eine, die hinter den Hochdruckkugeln liegt.  Da ich Anhänger von Autos bin, die nicht dauernd ihr Revier markieren, habe ich die Werkstatt gebeten, auch die letzte Öffnung noch zu verschließen.  Auf RR Treffen habe ich schon mehrere SS gesehen, die seit Jahren diese Öffnungen verschlossen haben und immer noch problemlos laufen.  Die RR Werkstatt will jetzt meiner Bitte nachkommen, weist aber darauf hin, dass es besser wäre, den Motor zu zerlegen und zu überholen.  Das werde ich auch mal machen lassen, möchte mich aber erst einmal ein paar Jahre weiter mit dem Fahrzeug beschäftigen und sicher gehen, dass ich das Fahrzeug wirklich auf Dauer behalte. 
Meine Frage ist jetzt, was steht zu befürchten, wenn ich die letzte seitliche Öffnung des Motors auch noch verschließen lasse.  Ich hab auch noch nen alten Mercedes, dessen Motor hat solche Öffnungen gar nicht, von daher bin ich mir jetzt nicht im klaren, welche Funktion diese Öffnungen haben und welche Folgen ein Verschließen haben kann.

Dank im voraus

Bernhard

Offline Udinho

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Re: Abdichtung Motor
« Antwort #1 am: Sa.17.Jul 2010/ 10:56:02 »
Ich denke, man muß sich mal klarmachen, was eigentlich der Hintergrund dieser Löcher ist. Ein bißchen untechnisch plaudernd erklärt, muß man wissen, daß die Kolben in unseren Motoren in Dosen oder Büchsen laufen, die im Motorblock sitzen, zwischen dem Motorblock und diesen Dosen besteht aber ein Hohlraum, in dem Wasser herumgepumpt wird, um der Erhitzung im Brennraum über den Kolben entgegenzuwirken.  Man spricht deshalb auch von "nassen Zylinderlaufbuchsen", in denen die Kolben sich bewegen. Diese Dosen oder Buchsen sind nach unten offen (oben sitzt der Zylinderkopf drüber), denn die Kolben müssen ja über Stangen und eine Welle bewegt und immer wieder ins Öl in der Ölwanne eingetaucht werden, damit sie geschmiert bleiben.

Es muß also dafür gesorgt werden, daß das Wasser, das um die Buchsen herumgepumpt wird, nicht bis nach unten in die Ölwanne gelangt. Deshalb wird ein Dichtring ziemlich weit unten um die Buchse gelegt, so daß das Wasser keinen Kontakt mit dem Öl haben kann. Außerdem wird von unten, wo das Öl ist, auch eine Dichtung um die Buchse gelegt, so daß das Öl nicht nach oben kann. Das ist doppelt gemoppelt, aber hält besser, wie man ohne weiteres Nachdenken wohl einsehen kann. Und genau zwischen diesen beiden Dichtungen oder Dichtringen um die Buchse herum ist ein bißchen Niemandsland, wo weder Wasser noch Öl zu sein hat. Und wieder genau in diesem Bereich befindet sich das berühmte Loch oder die Kontrollbohrung.

Wenn also Öl aus diesem Loch kommt, ist der Dichtring gegen das Öl defekt. Wenn Wasser rauskommt, ist der Dichtring gegen das Wasser defekt. Wenn eine Emulsion aus Öl und Wasser rauskommt, sind beide defekt. Um einen Öl- oder Wasserverlust zu vermeiden bei (leicht) defekter Dichtung, wird von etlichen Leuten dieses Loch dicht gemacht, dann herrscht Ruhe. Kann sein, daß - falls nur eine der beiden Dichtungen defekt ist - die jeweils andere Dichtung noch ewig lange hält und man mit zugeschmierter Kontrollbohrung prima fährt. Es gibt offenbar eine Reihe solcher Fälle. Aber eine Kontrolle hat man nicht mehr. Gibt die zweite Dichtung auch auf, ist der Schaden immens, denn dann kommen Wasser und Öl sofort zusammen, und die Schmierung des gesamten Motors ist massiv gestört, was schnell zum Totalschaden führt.

Fahren mit einer defekten Dichtung ist also so eine Sache, die jeder für sich entscheiden muß. Ich halte das nur noch für eine Notlösung - habe meine Haltung im Laufe der Zeit da geändert. Auf keinen Fall aber sollte man ein Loch zuschmieren, aus dem nichts rauskommt! Denn solange die Dichtungen dicht sind, befindet sich Luft in diesem Niemandsland. Macht man das Loch zu und die Luft ist drin, dann dehnt sie sich bei Erhitzung aus, produziert Druck und belastet die Dichtungen zusätzlich in einer Weise, für die sie nicht konstruiert wurden. Was vorher dicht war, ist dann wahrscheinlich nach dem Zuschmieren bald undicht - nur merken wird man es nicht mehr mangels Kontrollmöglichkeit. Eine der beiden Dichtungen wird über kurz oder lang dem Druck nachgeben, und dann haben wir produziert die schon bekannte Situation eines defekten Dichtrings, der vorher noch gut war. Ich halte es daher für einen schlechten Rat, diese Löcher vorbeugend zuzuschmieren.

Gruß - Udo
« Letzte Änderung: Sa.17.Jul 2010/ 11:04:39 von Udinho »
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Offline bernhard

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Re: Abdichtung Motor
« Antwort #2 am: Sa.17.Jul 2010/ 11:35:47 »
Hallo Udo

Danke für die schnelle Antwort.  Bei mir kommt ausschließlich Öl raus, kann man die unteren Dichtringe, die also gegen das Öl abdichten bei eingebautem Motor wechseln?  Ist das sehr aufwändig?

Dank im voraus

Bernhard

Offline Udinho

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Re: Abdichtung Motor
« Antwort #3 am: Sa.17.Jul 2010/ 12:41:39 »
Bernhard, ich denke mal, daß diese Dichtringe so ziemlich das sind, was am tiefsten im Motor verborgen ist.

Um diese Laufbuchsen rauszuziehen, braucht man besonderes Werkzeug. Um dieses Werkzeug ansetzen zu können, muß der Motor ausgebaut sein. Die Wände, die ohne die Buchsen im Motorblock stehen bleiben, sind bei diesen Motoren so dünn, daß mangelnde Erfahrung oft schon in der Zerstörung des Motorblocks endete. Der Tausch der Dichtungen ist ein so tiefer Eingriff in das Innenleben des Motors, daß dann eigentlich eine Generalüberholung ansteht, wenn schon alles auseinander ist.

Ob man bzgl. so einer Arbeit jemanden an sein Auto ran läßt und wen, das sollte man sich sehr gut überlegen. Was dabei für Sachen passieren, das kannst Du hier im Forum in Beiträgen aus jüngster Zeit finden, da sträuben sich Dir die Haare! Eine gute Überholung wird gegen 10.000 Euro kosten - genausoviel wie ein AT-Motor von einer Firma, die nichts anderes tut, als genau diese Motoren zu überholen.

Gruß - Udo



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Offline bernhard

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Re: Abdichtung Motor
« Antwort #4 am: So.18.Jul 2010/ 10:47:03 »
Hallo Udo

herzlichen Dank für deine Antwort.  Eine Überholung wird sicherlich anstehen. Ich hab den Wagen erst etwas mehr als 1 Jahr und verbessere so nach und nach bestimmte Baugruppen, Bremsen vorn und hinten sind gemacht, Vergaser überholt usw.
Ich hab noch anderen Mercedes Oldtimer und bei denen hat es sich als eine gute Vorgehensweise erwiesen, sicherheitsrelevante Teile sofort instandzusetzen, andere Überholungen aber in bestimmten zeitlichen Abständen durchzuführen und sich in der Zwischenzeit mit dem Auto zu beschäftigen um festzustellen, ob man das Fahrzeug wirklich auf Dauer behalten will, auf Dauer heißt bei meiner Frau und mir dann für immer.  Wenn diese Entscheidung dann mal feststeht, lohnt sich so ziemlich jede Investition.  Im Falle des Silver Shadow steht diese Entscheidung noch nicht ganz fest.  Ich hab über den Club jetzt auch etwas ältere RR Modelle kennengelernt, Nachkriegsmodelle der 50er und 60er, evtl. würde ich den SSI da mal in Zahlung geben und mir eines dieser älteren Modelle zulegen.
Für die Zwischenzeit würden mich Erfahrungen von SS Besitzern interessieren, deren Motoren auf die beschriebene Weise abgedichtet worden sind. Wie gesagt, bei mir kommt nur etwas Öl raus, kein Wasser, hat die Werkstatt geprüft.  Ich erinnere mich, auf unserem letzten Clubtreffen jemanden getroffen zu haben, der nen SSI in 2004 gekauft hatte, schon damals waren die Kontrollbohrungen verschlossen, Motor läuft immer noch einwandfrei. Zudem habe ich an meinem Motor festgestellt, das die schon bestehende Abdichtung durch eine rel. flexible Paste vorgenommen worden ist, da kann ich mir eigentlich nicht vorstellen, das sich dahinter ein wirklich signifikanter Druck aufbauen kann, der dann die Dichtung gegen den Wasserkreislauf schädigen könnte, sehe ich das falsch?
Daher wäre ich sehr an Infos von Kollegen interessiert, deren Motoren auch schon abgedichtet worden sind und wie deren Erfahrung damit sind um einschätzen zu können, wie hoch das Risiko ist, mit einem so abgedichteten Motor noch weiterhin zu fahren.

Dank im voraus

Bernhard