Rolls-Royce & Bentley-Forum

Rolls-Royce+Bentley-Technik => Pre War => Thema gestartet von: PY158 am Do.04.Jun 2026/ 11:38:10

Titel: Leben mit einem nachhaltigen Gebrauchtwagen
Beitrag von: PY158 am Do.04.Jun 2026/ 11:38:10
Ihr Lieben,

ich habe mir gedacht, ich belebe mal wieder die Vorkriegsecke dieses Forums mit einigen Mitteilungen zum Leben mit einem Vorkriegswagen. Ich habe diesbezüglich ja bald 35 Jahre Erfahrung und bin inzwischen ein alter Sack und 10 Jahre später ein uralter Sack geworden. In verschiedenen anderen Freds wird darüber diskutiert, ob man sich lieber einen 20/25 oder 25/30 oder ein anderes Vorkriegsmodell oder doch eher die Komfortvariante in Form eines Mk6, Silver Dawn oder Silver Cloud zulegen sollte.

Dazu sollte ich vielleicht als erstes anmerken, dass praktisch alle Vorkriegswagen sich fahren wie ein Panzer, ein Traktor oder ein alter LKW. Ich meine damit die Modelle von Bentley und Rolls-Royce, für die leichten Modelle wie einen Lancia Augusta, Austin 7 oder Bugatti T35 fehlen mir die Erfahrungswerte, vielleicht sind die besser zu handhaben, da müssten sich bitte die Custodians (engl. für Behüter oder Verwalter) dieser Fahrzeuge melden. Ganz viele Dinge, die heute völlig selbstverständlich sind, waren zu den Zeiten, als ein Viertel der Landfläche unseres Planeten rosa (Britisches Empire) oder Wien-Berlin ein Inlandsflug war, noch völlig unbekannt und man muss sich erst einmal an den Gedanken gewöhnen, dass Autos früher tatsächlich "nur" zum Fahren gebaut wurden. Lange Zeit gab es Bremsen nur an den Hinterrädern, die ersten Heizungen kamen erst in den 20er, 30er Jahren auf, eine der ersten Klimaanlagen wurde Mitte der 30er Jahre in das Auto von John Dave Rockefeller eingebaut und P.A.S., also Servolenkung gab es auch erst ab den 50er Jahren, vielleicht auch etwas früher. Getriebe waren entweder überhaupt nicht oder nur teil-synchronisiert, weshalb sie von den Engländern auch "Crash-Box" genannt wurden. Herr Renault sagte dazu "c'est brutal, mais ca marche". Automatikgetriebe gab es erst ab 1940. Die Sitz-Verstellung kamen auch erst in den 30er Jahren auf, weshalb man mit der Position, wie sie vom Kutschenbauer eingerichtet wurde, Vorlieb nehmen musste. Immerhin konnte man sich die Pedale passend zur Beinlänge einstellen lassen.

Alles das führt dazu, dass die Bewegung mit einem Vorkriegswagen BRUTAL UNBEQUEM und maximal anstrengend ist. Dessen sollte man sich gewahr sein, wenn man mit einem Vorkriegswagen liebäugelt.

Auf der Haben-Seite stehen das Design, das Feeling, der Geruch und vor allem die Zuverlässigkeit, die mit heutigen Maßstäben einfach nicht zu erklären sind. Alle Silver Ghosts sind inzwischen über 100 Jahre alt. Sie haben oft Jahrzehnte der Verwahrlosung und Zweckentfremdungen als Abschleppwagen oder Ambulanzen im Krieg oder Umbauten zu Cafe-Racern erdulden müssen und sind, sofern sie entsprechend repariert oder gewartet wurden, auch nach über 100 Jahren immer noch einsatzbereit. Allein das verdient schon Respekt und Bewunderung. Ebenfalls Respekt verdient der Umstand, dass es Henry Royce, "the mechanic" gelungen ist, dieselbe sagenhafte Zuverlässigkeit auch für die kleinen Modelle nach dem Großen Krieg zu realisieren, vom 20HP über den 20/25 bis hin zum 25/30 und dem Wraith, obwohl sie deutlich sparsamer konstruiert wurden und manchen Wahnsinn der großen Baureihen Silver Ghost, New Phantom, Phantom II und Phantom III nicht (mehr) hatten, wie etwa die Doppelzündung.

Und wie fährt sich so ein Vorkriegswagen? Da muss man unterscheiden, ob es vor dem Großen oder vor dem II. Weltkrieg war. Bei den ganz alten Dingern muss man noch selber kurbeln um sie anzuwerfen und für die Teilnahme am modernen Straßenverkehr, z.B. auf der Autobahn sind sie ehrlicherweise kaum geeignet, alleine schon wegen der fehlenden Vorderradbremsen und oft nicht vorhandener Scheibenwischer, während manche Modelle aus den 30ern sich schon relativ modern fahren. Was man aber - ziemlich egal, welches Modell - mit hoher Wahrscheinlichkeit nur auf der Rücksitzbank erleben wird, ist der vielgepriesene Fahrkomfort eines Rolls-Royce. Vorne war damals nur für das Personal reserviert, obwohl manche Autos gerne als "Owner/driver"-Modelle angepriesen werden. Wirklich Spaß macht das Rolls-Royce-Fahren aus meiner Sicht aber erst ab dem II. Weltkrieg. Meine eigenen Erfahrungen beschränken sich da auf den Bentley R-Type von Klaus-Josef Roßfeldt, den ich einmal fahren durfte und einen Bentley S3, den ich mir in den 80er Jahren kaufen wollte. Beide Modelle sind absolut komfortabel auch für den Fahrer und bieten fast alle modernen Annehmlichkeiten, die man sich nur wünschen kann: Musik, Automatik, Servo, Klima/Lüftung und eine echt ausreichend schnelle Fortbewegung. Die Feller-Modelle aus meiner Signatur habe ich bewusst nicht erwähnt, das sind einfach moderne Autos ohne störende Piepserei.

Was man sich in die Garage stellt, bleibt jedem selbst überlassen, aber ich möchte gerne eine Lanze brechen für die Vorkriegs-Fraktion. Die Autos machen Spaß, obwohl man beim Lenken ackern muss wie ein Gaul, das Getriebe nach einem gefühlvollen Gasfuß und Wahl der richtigen Drehzahl beim Gangwechsel verlangt, einen auf der Autobahn viele LKWs überholen (die Busse praktisch immer) und man vermutlich nach spätestens einer Stunde Fahrtzeit "Rücken" hat. Und es gibt auffallend viele Ersatzteile für sie. Also für das Chassis, die Karosserien sind ja immer Einzelanfertigungen, da muss man dann auch alles einzeln nachfertigen, wenn mal was kaputt sein sollte.

Und zum Schluss das absolut wichtigste zum Thema "nachhaltiger Gebrauchtwagen", egal wie alt er oder sie sein mag: Bitte, bitte FAHRT DIE DINGER! Niemand, absolut niemand hat etwas davon, wenn die Autos sich in der Garage die Reifen platt stehen! Selbst wenn euch irgendwelche Börsen-Fuzzies oder Youtube-Videos erzählen sollten, dass ihr damit eine sagenhafte Wertsteigerung erzielen könnt, ihr dürft mir glauben, das einzige, was ihr damit produziert, sind jede Menge Standschäden. Natürlich könnt ihr euer Schätzchen mal für einige Jahre wegstellen, wenn die große Motor-Revision ansteht und vielleicht die Hypothek fürs Haus erst noch abbezahlt werden soll, da sagt niemand etwas gegen, das sind schließlich tatsächliche Notfälle. Aber alte Autos OHNE NOT wegzusperren, ist einfach nur grausam. Und es ist dumm obendrein. Aber das ist nur meine persönliche Meinung.